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CSD-Gottesdienst

Schuldbekenntnis, Segen, Poesie und Heilung als Botschaft gegen den Hass

© Martin ReinelCSD-Gottesdienst in Darmstadt 2023 - Martinskirche

Ein andächtig-bunter Gottesdienst in der Martinskirche, Erinnerung an verfolgte Homosexuelle und der Kirchenpräsident am Mahnmal: Starkes ökumenisches Statement beim CSD Darmstadt für die Vielfalt von Geschlechtern und Lebensformen.

Bildergalerie

© Martin ReinelVikarin Nathalie Franke und Pfarrer Frank Briesemeister beim CSD Gottesdienst 2023 in der Martinskirche

In dunklen Zeiten sind viele Homosexuelle verfolgt worden. Es gibt aber auch bunte und vielversprechende Entwicklungen und viele Fortschritte im Kampf für Gleichberechtigung. Daran hat der CSD-Gottesdienstes 2023 in Darmstadt erinnert. „Regenbogen – Schatten und Licht“ lautete das Motto der Feier am Freitag, 18. August 2023, zu der sich mehr als 60 Menschen in der Evangelischen Martinskirche am Riegerplatz einfanden. Anschließend zogen sie gemeinsam zum Mahnmal für die Opfer des Paragrafen 175. Dort sprach der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) Volker Jung zu den Teilnehmenden.

Gedenken an ermordeten Heinrich Orlemann

Die Stimmung in der mit den Farben des Regenbogens bunt geschmückten Martinskirche war andächtig und konzentriert. Geprägt wurde der Gottesdienst am Vorabend der CSD-Parade 2023 von musikalischen Vorträgen und Liedern, einem Verkündigungsteil und einem Stationenweg. Dabei erinnerte ein Redebeitrag an den Darmstädter evangelischen Theologen Heinrich Orlemann, der im Jahr 1935 wegen seiner Homosexualität verhaftet und verurteilt und dann von den Nazis im KZ Sachsenhausen 1942 ermordet wurde. Sein Schicksal wurde auch später weitgehend verschwiegen und erst 2015 mit einer Stolperstein-Aktion wieder öffentlich bekannt.

Hoffnungsvoller Neuanfang

Gegen solche dunkle Erinnerungen setzten Pfarrer Frank Briesemeister und Vikarin Nathalie Franke die biblische Noahgeschichte, die mit der Verheißung des Bundes Gottes mit den Menschen und einem bunten Regenbogen endet. Diese Botschaft verkünde, dass Gott einen Neuanfang wolle und keine Gewalt und keinen Hass gegen Menschen, nur weil diese anders scheinen oder sind. Dass aber auch Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden und Verbesserungen erzielt wurden, erläuterten Beiträge mit Hinweisen auf die Möglichkeit von kirchlichen Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare oder auf das Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gegenüber queeren Menschen. Darin bekennt sich die Kirche dazu, dass "Lesben, Schwule, Trans- und Intersexuelle in Gemeinden und Einrichtungen der EKHN Diskriminierung erfahren haben“. Und weiter: „Alle, denen wir damit Unrecht getan haben, bitten wir um Vergebung“.

Gottesdienst mit interaktiven und kreativen Elementen

Im Gottesdienst konnten sich die Besucherinnen und Besucher auf einem bunten Stationenweg an der gelben Station „Sonne und Licht“ segnen lassen oder an der roten Station „Poesie des Lebens“ Gedichte lesen oder selbst verfassen. Wer wollte, konnte sich an der blauen Station „Harmonie“ sogar in einem großen Netz vertrauensvoll schaukeln lassen. Und Gedanken, Anregungen und Bitten von der orangen Station „Heilung“ flossen dann in das Fürbittengebet ein. Wie wichtig der Regenbogen als Symbol für die queere Bewegung und als Zeichen für eine vielfältige und bunte Gesellschaft ist, machte in der Martinskirche spätestens der eindrucksvolle Vortrag des Liedes „Somewhere over the rainbow“ durch Beate Leisner, unterstützt von Jonathan Klein am Keyboard, deutlich.

Mahnmal für die Opfer

Nach dem Gottesdienst gingen die Besucherinnen und Besucher gemeinsam in die Innenstadt zum Darmstädter Mahnmal für die Opfer des Strafrechtsparagrafen 175. Die Bedeutung dieses Kunstwerks für die queere Szene in Darmstadt erläuterte Harald Switalla von der HuK (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche), die sich besonders für die Errichtung des Denkmals eingesetzt hatte.

Kirchenpräsident: Queere Lebensformen als Teil der Schöpfung

EKHN-Kirchenpräsident Volker Jung dankte für dieses Engagement und betonte, der Gottesdienst zum CSD sei bewegend gewesen. Das Schuldbekenntnis der EKHN solle keinesfalls ein Schlusspunkt sein für weitere Diskussionen. Vielmehr gehe es darum, dass sich Gemeinden die Intention und den Inhalt des Bekenntnisses zu eigen machten. Denn es gebe neue Erkenntnisse, „wie wir auf Sexualität schauen“. Weiter zitierte Jung aus dem Schuldbekenntnis, das von der Synode, dem höchsten Gremium der EKHN vor kurzem verabschiedet wurde, den Satz: „Wir glauben heute: Homosexualität, Bisexualität, Trans- und Intersexualität, non-binäre und queere Lebensformen sind ein Teil der Schöpfung." Wichtig sei, die Vielfalt von Lebensformen nicht zu verschweigen und Menschen auch ihr Coming Out zu erleichtern. Die EKHN habe sich verpflichtet, diese Position auch gegenüber Partnerkirchen in der ganzen Welt zu vertreten und deutlich zu machen. In einem Post auf Instagram über seine Rede am Mahnmal wiederholte Kirchenpräsident Jung später die Aussage des Schuldbekenntnisses. „Wir haben als Kirche queere Menschen ausgegrenzt und damit Unrecht getan. Das Schuldbekenntnis enthält auch die Verpflichtung, die bestehende Vielfalt von Geschlechtern und Lebensformen anzuerkennen und zu fördern“, so Jung.

Der Gottesdienst im Rahmen des Darmstädter CSD fand bereits zum fünften Mal seit 2019 statt und wurde von der ökumenische Initiativgruppe CSD-Gottesdienst in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Gemeinde Darmstadt, Pfarrer Frank Briesemeister, und der HuK (Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche) vorbereitet. Zusammen mit dem EKHN Stabsbereich Chancengleichheit war die HuK am folgenden Tag dann auch beim CSD-Fest auf dem Karolinenplatz mit einem Infostand präsent. www.csd-gottesdienst-darmstadt.de

Text: Martin Reinel

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Aber wer ist das?

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